Zu Beginn eine kleine "Begriffserklärung":
Kranium (lat.) = Schädel - Sakrum (lat.) = Kreuzbein (am Ende der Wirbelsäule)
Die kraniosakrale Osteopathie beschäftigt sich also mit der Untersuchung und Behandlung des Schädels
in Bezug zum Kreuzbein. Vordergründig gesehen scheint es zwischen den beiden Extremen der Wirbelsäule keinen
Bezug zugeben. Bei einer ganzheitlichen Betrachtung der Anatomie und Physiologie finden sich jedoch Gemeinsamkeiten und
Verbindungsstrukturen. Die kraniosakrale Osteopathie ist eine der drei Hauptsäulen der Osteopathie und gilt oft als
die "sanfte" Therapie. Neben ihr gibt es die viszerale und die parietale Osteopathie sowie eine Vielzahl von anderen
spezifischen Techniken. Ein Grundsatz der Osteopathie lautet: "Gesundheit zu finden sollte die Aufgabe des Arztes sein.
Krankheit kann jeder finden."
Erklärungsmodell
Beim Kraniosakralen System handelt es sich um ein halbgeschlossenes hydraulisches System, bei dem Kopf und Wirbelsäulenkanal,
bis hin zum Kreuzbein, eine Funktionseinheit bilden.
Der Wirbelsäulenkanal enthält, geschützt von Membranen, die Gehirn- bzw. Rückenmarksflüssigkeit
(Liquor cerebrospinalis). Wie beispielsweise auch unsere Blutbestandteile nach einiger Zeit ausgedient haben und ständig
neu gebildet werden, so wird auch der Liquor fortlaufend neu produziert und ausgetauscht. Der Umschlagplatz befindet sich
mitten im Gehirn, in den so genannten Ventrikeln.
Durch die Produktion von Liquor steigt der Druck im Schädel an. Über Dehnungsrezeptoren informiert, weitet sich
der Schädel unter diesem Druckanstieg, soweit es die Dehnungsfähigkeit der Schädelnähte zulässt.
Diese Nähte sind unter normalen Bedingungen nicht verknöchert, wie man lange Zeit angenommen hat. Kommt die Produktion
der Hirnflüssigkeit zum Stillstand, nimmt auch die Weitung des Schädels wieder ab - vergleichbar mit dem Aufblasen und
Zusammenschrumpfen eines Luftballons. Diese Bewegung pflanzt sich wie eine Welle durch den Rückenmarkskanal fort bis zu
dessen knöchernem Ende, dem Kreuzbein. Dieser Zyklus spielt sich beim gesunden Menschen ca. 6-12-mal pro Minute ab.
Wie sieht eine Behandlung aus?
In der Regel gestaltet sich eine osteopathische Behandlung mit Anwendung von kraniosakralen Techniken eher ruhig und für
den Patienten entspannend. Er ist dabei meistens passiv. Man spürt in der Regel nur wenig oder gar nichts von der Behandlung.
Der Therapeut kann die Bewegungen der Schädelknochen erspüren, die Dehnungsfähigkeit der Hirnhäute und des
Rückenmarks sowie den spezifischen Rhythmus des gesamten Systems. Werden Einschränkungen gefunden, so werden sie meistens
durch äußerst präzisen, aber sehr leichten Druck korrigiert. Genau genommen korrigiert sich das System unter dem
behandelnden Druck selbst.
Wann das kraniosakrale System Beschwerden macht Störungen im kraniosakralen System findet man häufig nach Verletzungen
des Schädels oder des Kreuzbeines. Alle Gehirnerschütterungen und schwereren Prellungen können hier Probleme
verursachen, wie auch komplizierte Geburten von Säuglingen, insbesondere wenn Hilfsmittel wie Wehentropf, Zange oder Saugglocke
eingesetzt wurden. Diese Störungen des kraniosakralen Systems verursachen meist erst nach Jahren Probleme, die auch weit von
dem Ort der Störung entfernt auftreten können.
Der ganzheitliche Ansatz der Osteopathie, den Menschen als untrennbare Einheit zu betrachten und ihn individuell als Ganzes zu
behandeln, eröffnet eine Vielzahl von Behandlungsindikationen: von A wie Asthma über N wie Neugeborenenbehandlung bis Z
wie Zahnstellungsprobleme. Weitere mögliche Indikationen sind orthopädische Probleme, chronische Müdigkeit, Skoliose,
Störungen in der Mechanik der Kiefergelenke, Ohrgeräusche, Hormonstörungen, Schädeldeformierungen bei
Säuglingen, chronische Schmerzen, insbesondere Kopfschmerzen und vieles mehr.
Im Einzelfall sollte man bei entsprechenden Problemen einen erfahrenen Therapeuten befragen, ob bei der eigenen Vorgeschichte ein
kraniosakraler Behandlungsversuch sinnvoll ist. Nur anhand von Symptomen lässt sich selten rückschließen, welche
der möglichen Behandlungsmethoden besonders erfolgreich sein kann.
Quelle: DO - Deutsche Zeitschrift für Osteopathie, 4/2004; Hippokrates Verlag