Rückenschmerz: Alle haben ihn. Diagnose "unspezifisch" meist falsch.


Schmerzmediziner fordern spezifische Diagnostik und Therapien. Europäisches Jahr gegen den Rückenschmerz ausgerufen.


Sorgen allenthalben. Finanzielle Unsicherheiten plagen die Menschen in Europa. Weitaus quälender aber manifestieren sich für viele Bewohner des alten Kontinents alltägliche Kreuzleiden. "Rückenschmerz gehört zu den folgenschwersten Beschwerden industrialisierter Gesellschaften", erklärte der Präsident des Dachverbands europäischer Schmerzgesellschaften (EFIC), Professor Hans Georg Kress, anlässlich der Europäischen Schmerzwoche. Obwohl Millionen Menschen betroffen sind, zeige sich der Rückenschmerz als "stille Epidemie". Professor Maarten van Kleef, Koordinator der Schmerzwoche, glaubt in der Kategorisierung "unspezifizisch" den Grund für die Fehleinschätzung gefunden zu haben. Diese Klassifizierung bei etwa 98 Prozent aller Fälle sei "völlig unbefriedigend und unwissenschaftlich".

Von der Ärzteschaft und den Entscheidungsträgern in Politik und Forschung werde das Problem unterschätzt. Maßgeschneiderte Therapien für die vielen verschiedenen Typen des chronischen Rückenschmerzes müssten entwickelt werden, fordert Koordinator van Kleef.

Die Experten sehen ein weit verbreitetes Problem. Rund ein Fünftel der Bevölkerung in Europa litten unter irgendeiner Form von Rückenschmerzen. Nahezu 90 Prozent werde mindestens einmal im Leben damit konfrontiert. 70 Prozent ereilen Beschwerden im Bereich der Lendenwirbelsäule, 30 bis 50 Prozent klagen über Nackenschmerzen und 16 bis 20 Prozent erleben die Tücken in thorakalen Wirbelsäulenabschnitten.

Wer mit einer Krankschreibung wegen unspezifischer Rückenschmerzen versorgt wurde, ist meist nach kurzer Zeit schon wieder am Arbeitsplatz. Fälschlicherweise werde angenommen, der Patient sei vollständig gesund. Auch Ärzte unterliegen oftmals dieser irrigen Annahme. Dabei sei bei mehr als der Hälfte der Betroffenen der Schmerz keineswegs verschwunden. Vielmehr entwickle sich das Leiden zu einem chronischen Prozess, bemerkt Schmerzmediziner van Kleef. Bei jedem zweiten Rückenpatienten blieben die Schmerzen mehr als fünf Jahre. "Der Mangel an terminologischen Unterteilungen hat zu erstaunlichen Defiziten im Verständnis des Rückenschmerzes und einem eklatanten Mangel an wirksamen Behandlungsoptionen geführt", klagte der Fachmann.

Die möglichen Pathomechanismen seien vielfältig. Schmerzen könnten beispielsweise durch Veränderungen an der Bandscheibe enstehen, durch Degeneration der kleinen Gelenke der Wirbelsäule oder durch Abnützung des Ilio-Sacral-Gelenks. "Wir müssen dringend verlässliche diagnostische Kriterien für die Diagnostik dieser Subgruppen formulieren. Die jeweiligen spezifischen Mechanismen müssen identifiziert werden, wenn wir den Patienten entsprechend differenzierte Strategien anbieten wollen", bekräftigte Professor van Kleef. Eine gut durchdachte Abfolge multimodaler Initiativen auf allen sozialen Ebenen, die präventiv oder therapeutisch tätig werden, müsse geschaffen werden. Zunächst einmal wollen die EFIC-Aktivisten die Schmerzwoche zu einem Europäischen Jahr gegen den Rückenschmerz ausbauen. Das Thema soll nicht in Vergessenheit geraten.

Mit freundlicher Genehmigung von Peter Appuhn physio.de